Bikepacking mit Kindern
Bikepacking mit Kindern

Interview: Bikepacking mit Kindern - Tipps für Dein Familien-Abenteuer

Was gibt es Schöneres, als die Faszination Bikepacking mit den eigenen Kindern zu teilen? Doch wie gelingt das am besten? Ein Gespräch mit Gunnar Fehlau.

Bikepacking als Fahrrad-Abenteuerurlaub mit den eigenen Kindern? Aber klar! Lass Dich nicht ausbremsen von Fragen und Bedenken. Wir haben mit Gunnar Fehlau gesprochen, wie die Bikepacking-Tour mit Kindern gelingen kann und alle Mitglieder der Familie Spaß an diesem Urlaub haben können. Seit 2008 ist Gunnar mit dem Bikepacking-Fieber infiziert, hat die Grenzsteintrophy und den Candy B. Graveller initiiert und richtete 2019 das erste Bikepacking-Barcamp aus. Sein Wissen und seine Erfahrungen hat er unter anderem in „Das Familien-Fahrrad-Buch“ und der Bikepacking-Fibel „Rad und Raus  – Alles über Microadventure und Bikepacking“ zusammengetragen. 

Gunnar, wann warst du das erste Mal mit deinen Kindern auf einer Bikepacking-Tour?

Gunnar: Viel zu spät, würde ich aus heutiger Perspektive sagen. Das hatte zum einen damit zu tun, dass ich das Thema ja erst 2008 für mich entdeckt hatte und meine Overnighter erst seit Frühjahr 2009 unternehme. Etwa zu der Zeit verbrachten wir als Familie bereits die eine oder andere Nacht im Zelt oder Baumhaus im Garten. Bei Festivals wie Schlaflos im Sattel kamen Draußen-Schlafen und Fahrrad bereits zusammen. Den ersten Overnighter als `Drei-Männer-Tour´ haben Moritz (Jahrgang 2003), Oskar (2001) und ich (1973) 2012 unternommen, 2014 war erstmals ein Freund der Jungs mit dabei. 2018 dann die erste große Tour mit Oskar: ein Woche Sierra Nevada in Spanien.

Die Faszination und Freude am Radfahren an die eigenen Kinder weiter zu geben ist nicht immer einfach, aber immer mit unvergesslichen Erlebnissen gepaart.

Die Faszination und Freude am Radfahren an die eigenen Kinder weiter zu geben ist nicht immer einfach, aber immer mit unvergesslichen Erlebnissen gepaart. © Gunnar Fehlau

Die Zielsetzung beim Bikepacking mit Kindern ist eine andere, als wenn Du allein oder mit Freunden unterwegs bist: Besonders auf den ersten gemeinsamen Touren sind kurze Strecken, Entschleunigung und Abwechslung für die Kids die oberste Devise.

Die Zielsetzung beim Bikepacking mit Kindern ist eine andere, als wenn Du allein oder mit Freunden unterwegs bist: Besonders auf den ersten gemeinsamen Touren sind kurze Strecken, Entschleunigung und Abwechslung für die Kids die oberste Devise. © Gunnar Fehlau

Schlafen unter freiem Himmel: Für fortgeschrittene Bikepacking-Abenteurer die nächste Ausbaustufe nach der Übernachtung im Zelt.

Schlafen unter freiem Himmel: Für fortgeschrittene Bikepacking-Abenteurer die nächste Ausbaustufe nach der Übernachtung im Zelt. © Gunnar Fehlau

Schnell wollen die Kids dann auch wie die Eltern unterwegs sein: Leichtes Gepäck wie etwa der Schlafsack können auch sie an ihren Rädern problemlos transportieren.

Schnell wollen die Kids dann auch wie die Eltern unterwegs sein: Leichtes Gepäck wie etwa der Schlafsack können auch sie an ihren Rädern problemlos transportieren. © Gunnar Fehlau

Gute Vorbereitung ist alles: Eine leckere Mahlzeit nach der Tour belebt immer.

Gute Vorbereitung ist alles: Eine leckere Mahlzeit nach der Tour belebt immer. © Gunnar Fehlau

Aufwachen im Morgentau und den Geräuschen des Waldes lauschen, ehe man sich aus dem Schlafsack schält: unbezahlbar!

Aufwachen im Morgentau und den Geräuschen des Waldes lauschen, ehe man sich aus dem Schlafsack schält: unbezahlbar! © Gunnar Fehlau

Ab welchem Alter können Kinder mit auf eine Bikepacking-Tour kommen?

Gunnar: Die Menschen waren nomadisch, bevor sie sesshaft wurden. Und von diesen Menschen stammen wir ab. Insofern passen kleine Kinder und Reisen zusammen. Aus meiner Sicht sind das Problem selten die Kinder, sondern meist die Eltern, deren Glaubenssätze, Ängste und fehlende Gelassenheit. Mit einem geländegängigen Kinderanhänger kann Bikepacking starten, sobald das Kind die ausreichende Stützmuskulatur zum Sitzen hat bzw. in eine entsprechende Liege passt. Addiert man noch ein wenig individuelle Reserve, dann würde ich sagen, mit neun oder zehn Monaten ist der erste Overnighter mit dem Nachwuchs drin. Der wird nur völlig anders verlaufen, als das aalglatte Marketing-Welten und Instagram-Inszenierungen suggerieren.

Inwiefern?

Gunnar: Ein Overnighter oder auch Microadventure soll ja stets auch eine Reise heraus aus der eigenen Komfortzone sein. Und dessen kann man sich beim Familien-Overnighter gewiss sein… insbesondere beim ersten Kind sind Eltern naturgemäß unerfahren und damit auch oft unsicher. Diese Unruhe überträgt sich im Alltag und auch beim Bikepacking direkt aufs Kind. In der Ruhe liegt die Kraft, könnte man also sagen. Insofern sind Entspannung und Entschleunigung angesagt. Vor allem für die Eltern. Es soll ja ein Spaß und ein Genuss sein und kein Horrortrip. Deshalb ist ein nahes und vertrautes Ziel zu empfehlen. Möglichst ruhig und mit der Gewähr, dass keine unerwünschten Überraschungen wie feiernde Jugendliche, Jagdaktivität oder gar eine Wildschweinrotte die Nachtruhe stören. Das Klein(st)kind soll auf der Tour seinen Tag-Nacht-Rhythmus möglichst beibehalten und weil die Umgebung und Umstände ungewohnt sind, ist es nur recht und billig, wenn der oder die Kleine neben seinen Eltern einschläft. Der Abend ist also auch für die Eltern kurz. Ich erinnere mich noch gut an unsere erste gemeinsame Bikepacking-Tour: wie eng die Jungs ihre Isomatte an mich gerückt haben und wie sie sich direkt hinter mich gekuschelt haben, als sie bereits in den Schlafsäcken lagen und ich noch eine Weile am Feuer sitzen wollte.

Welche Tipps hast du noch für Bikepacker-Familien?

Gunnar: Kniffelig wird es aus meiner Sicht, wenn die Kids selbst radeln. Während Erwachsene im Radfahren selbst häufig Entspannung und Erholung und damit einen eigenen Wert finden, ist es für Kinder oft nur das Vehikel, um von einer spannenden Stelle zur nächsten zu kommen. Deshalb ist Streckemachen erst einmal keine gute Kategorie für Familien-Overnighter. Starten, Spielplatz, Bachlauf, Eisdielen-Stopp, Fußballplatz, Scheune, Blumenwiese, Picknick, Baumstumpf, Trinkpause, Schutzhütte … das klingt nach einem vollen Tag, kann aber auch das Protokoll von kaum zehn Kilometern sein. Die Erwartungen der erfahrenen Radfahrer (aka Eltern) ans eigentliche Radfahren sollten klar im Hintergrund bleiben. Wichtigster Tipp: Meide abseits vom Hochsommer Wasser auf dem Hinweg zum Spot, sonst kann ein kleiner Fehltritt die komplette Tour in nasser Klamotte ertränken.

Wenn dann die Begeisterung übergeschlagen ist, sind den gemeinsamen Abenteuern keine Grenzen gesetzt.

Wenn dann die Begeisterung übergeschlagen ist, sind den gemeinsamen Abenteuern keine Grenzen gesetzt. © Gunnar Fehlau

Mit der richtigen Ausstattung und zahlreichen Erfahrungen in der Hinterhand steht auch einer gemeinsamen Bikepacking-Tour im Winter nichts im Weg.

Mit der richtigen Ausstattung und zahlreichen Erfahrungen in der Hinterhand steht auch einer gemeinsamen Bikepacking-Tour im Winter nichts im Weg. © Gunnar Fehlau

Thema Ausrüstung: Was gehört zur Grundausstattung einer Familien-Bikepacking-Tour?

Gunnar: Hierbei unterscheiden sich kleine und große Abenteurer kaum: Es braucht für einen ersten Trip bei gutem Wetter erst einmal keine besondere Ausrüstung, obgleich eine solche die Tour natürlich leichter, einfacher, gemütlicher und sicherer macht. Die Räder der Kinder geben das Geläuf der Tour vor. Nur weil Vater ein Fully fährt, muss die Tour nicht über Stock und Stein gehen. Was den Transport der Ausrüstung angeht: Sinn macht süchtig, und so wollen die Kleinen meist auch mithelfen. Deshalb sind leichte und voluminöse Dinge wie Isomatten und Schlafsäcke ideal, um sie an den Kinderrädern zu verzurren. Das sieht nach viel aus und hemmt dennoch die Fahrt kaum. Ich habe die alten Sattelgestelltaschen und Mini-Rahmentaschen, die ich aus der Ära vor den großen Bikepacking-Taschen noch hatte, einfach an die kleinen Kinder-MTBs gebaut. Die Kinder haben dieses Setup „wie Papas Rad auch aussieht“ geliebt. Das wichtigste Utensil für Klein und Groß ist das persönliche Kuscheltier. Hosenwindeln für die Nacht entspannen Eltern wie Kinder. Ein umfassendes Erste-Hilfe-Set und ein kompletter zweiter Kleidungssatz für jedes Kind gehören aus meiner Sicht ebenfalls zur Grundausstattung.

Was ist bei den Rädern zu beachten?

Gunnar: Fahrrad-affine Eltern halten die Räder der Kinder sicher genauso in Schuss wie die eigenen. Ein paar Tage vor der Tour nochmals die Größe des Kindes mit den Einstellungen am Rad abzugleichen, ist sicher sinnvoll. Oft vergessen wird, das eigene Werkzeugset und Ersatzteil-Sortiment um Werkzeuge und Teile für die Kinderräder zu ergänzen. Zum Beispiel entsprechende Schlauchgrößen und Bremszüge, sofern die Elternbikes bereits hydraulische Bremsen am Rad haben.

Was war dein peinlichster Moment auf einer Bikepacking-Tour mit der Familie?

Gunnar: Kann oder will ich mich da gerade an keinen erinnern? Ok, ich habe einmal die Batterien für die Stirnlampen vergessen. Das war dann halt ein kurzer Abend für alle. Ein anderes Mal hatte ich mich mit den morgendlichen Temperaturen vertan und wir haben auf dem Weg zurück nach Göttingen bitterlich gefroren.

Was war dein bester Hack auf einem Familien-Overnighter?

Gunnar: Eines Abends wurde es überraschend früh recht frisch und die Jungs hatten Sorge, dass es beim Einschlafen kalt sein würde. Durch Zufall hatte ich an dem Abend Flaschenbier – das vermeide ich wegen der Bruchgefahr in der Regel – dabei. Ich habe zwei Flaschen nahe ans Feuer gelegt, als diese heiß und trocken waren in ein Schlauchtuch gewickelt und jedem eine solche trockene Wärmflasche in den Schlafsack gesteckt. Als den Kleinen warm war, haben sie die Flaschen aus dem Schlafsack gestupst und sind wohlig warm eingeschlafen. Die letzte noch kalte und ungeöffnete Flasche habe ich mir anschließend am Feuer gegönnt.

Was sagst du Eltern, die sich nicht so recht trauen wollen, mit Kindern auf einen Overnighter zu starten?

Gunnar: Genau diese Hemmungen sind eine tolle Gelegenheit, sich selbst besser kennenzulernen. Überhaupt sind Kinder ein wundervoller Spiegel für die eigene Persönlichkeit. Ein Overnighter ist eine super Möglichkeit, gemeinsam aus dem häuslichen Trott auszubrechen und als Familie Neues zu erleben. Dein Nachwuchs wird es lieben und Erfahrungen fürs Leben sammeln. Und du übrigens auch, denn du entdeckst ganz neue Seiten an den Kids und an dir. Also, Sachen packen, rauf aufs Rad und los!