bike components Himalaya Santa Cruz Bike Brücke

Reportage: Im Yeti-Land - Auf einem Santa Cruz

Thorsten 04. Februar 2019

Himalaya-Hotte alias Thorsten macht sich auf die Suche nach dem Yeti. Und nach Sherpas, die ihn für die Abfahrt bergauf tragen. Sitzend. Auf dem Rad. Ob’s geklappt hat...

Darf ich mich vorstellen: Mein Name ist Thorsten. Jedenfalls nannten sie mich früher so. Zu Zeiten als ich „nur“ Projektleiter Systemadministration bei bike-components war. Heute bin ich noch immer hier, heiße aber nun: Himalaya-Hotte. Das liegt daran, dass ich kürzlich eine Reise nach Nepal unternahm. Mit dem Fahrrad. Wobei das nicht ganz stimmt: Ich bin mit dem Flieger dorthin geflogen, das Bike hatte ich im Gepäck. Genau wie einen wichtigen Auftrag meines Arbeitgebers, überbracht durch bc-Chef Philipp: Ich sollte mich am abendlichen Lagerfeuer mit dem Yeti auf einen Yak-Tee treffen. Er meinte außerdem, ich solle fragen, ob der Yeti Sherpas empfehlen könne, die mich auf dem Rad sitzend bergauf tragen würden. Warum? Damit ich jede Abfahrt zweimal genießen könnte.

Zeitsprung: Nach 17 quälenden Flugstunden und 1300 Euro ärmer stand ich also mitten in Kathmandu. In der rechten Hand den Griff meines Bike-Bags und links den Zettel mit der Hoteladresse. Um mich herum pulsierte die Stadt: ein Gewusel von Menschen, Fahrradrikschas und ein Gemisch undefinierbarer, exotischer Gerüche. Dazu „lecker“ Abgase von zahllosen Autos und Kleinbussen. Dass ich nicht bereits am Flughafen im Getümmel der Rikscha- und Taxi-Fahrer verloren ging, war einem Nepalesen mit meinem Namensschild in der Hand zu verdanken. Er fing mich ab, ehe ich der beeindruckenden Meute an Transportunternehmern zum Opfer fiel. Akklimatisierung: Check! Über die Höhe sprechen wir später…

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In den mitteleuropäischen Höhenlagen stehen fast schon zu viele herum, in Nepal ist die Gondel hinauf zum Tempel von Manakamana die einzige landesweit.

Kobra Schrein Nepal

Snakebite, nein danke: Vor Kobras wurde gewarnt, gesichtet habe ich aber keine. Zum Glück.

Nachdem ich mich im Hotel sortiert und das Bike aufgebaut hatte, begann am dritten Tag nach meiner Ankunft die erste Tour im Sattel. Statt mit Uphill-Plackerei aber wider Erwarten mit einer gemütlichen Gondelfahrt. Himalaya, Himmel der Bergsteiger, Dach der Welt. Und alle gehen zu Fuß. Dass ich nicht lache, dachte ich mir da noch. Die Kabinenbahn war nigelnagelneu und entsprach absolut dem Standard, den man von den Hot-Spots der Alpen gewohnt ist. Aber erstens waren die Herrschaften vom Liftpersonal nicht unbedingt perfekt auf den Bike-Transport vorbereitet. So wussten sie Hühner und Ziegen weit schneller zu verstauen, als unsere Drahtesel. Und zweitens teilten wir uns die gesamte Anlage mit gefühlten zwei Millionen anderen Fahrgästen: Pilger auf dem Weg in den Opfer-Tempel Manakamana. Deswegen auch das Getier. Eingekeilt zwischen den Menschen- und todgeweihten Tiermassen, stets darauf bedacht, niemandem im Getümmel mit den Pedalen oder dem Kettenblatt weh zu tun, fügte ich mich in meine Opferrolle. Die des Wartenden. Egal, war ja die geilste Dienstreise der Welt. Und ich konnte mich bald, sehr bald endlich in der Abfahrt vergessen.

Hauptsache abwärts

Als mein Vorderrad zum ersten Mal auf nepalesischem Boden gen Tal zeigte, konnte ich nicht anders als grinsen. Mitten hinein in den Dschungel des Kathmandu Valley führte der Trail, mit Spitzkehren und Treppenpassagen. Ziemlich lang und mitten im Wald. Hauptsache abwärts. Und ja, es war ziemlich geil, im Dschungel zu fahren: üppige Vegetation rundherum, exotische Geräusche und – Touristen-Schreck hin oder her – eine Warnung vor Tigern und Kobras. Ich muss zugeben, ich war gar nicht mal so unglücklich, dass mir letzteres erspart blieb.

Lenker Bike Nepal Treppen Trail Dschungel

Endlich Radfahren. Die ersten Trail-Meter auf nepalesischem Boden führten durch den Dschungel des Kathmandu Valley. Angesichts der Vegetation und der von Menschenhand gemachten Steintreppen passt „Rockgarden“ als Beschreibung durchaus.

Dafür bestätigte sich in den darauffolgenden Tagen rasch, dass ich mit meiner spöttischen Einschätzung zur Infrastruktur in den nepalesischen Berge natürlich sauber daneben gelegen hatte. Was sich zu Beginn noch in Höhenlagen um die 1800 Meter abspielte, wurde bald sehr seriös: Mit pochenden Kopfschmerzen fand ich mich nach einem Transferflug in einer kleinen Propellermaschine auf 4000 Metern irgendwo im Lubra-Tal wieder und bekam einen ersten realen Eindruck, was es mit dieser für mich Flachländer ominösen Höhenkrankheit auf sich haben konnte. Doch Himalaya-Hotte kennt keinen Schmerz, und rückblickend erlebte ich dort die epischste Abfahrt des gesamten Trips. War die Natur tags zuvor noch üppig grün, dominierte jetzt das karge, mondähnliche Landschaftsbild von weit oberhalb der Baumgrenze: Ringsherum reihten sich einige der höheren Berge dieser Welt ­– alle um läppische 8000 Meter hoch – aneinander. Doch unser Treiben auf dem Trail dürfte die nach Auffassung des Buddhismus dort lebenden Götter nur wenig beeindruckt haben. Ich aber war am Ende jener Abfahrt am eigentlichen Ziel meiner Reise, dem Spielplatz für den restlichen Nepal-Aufenthalt, angekommen: einem Einschnitt in die Landschaft mit dem wohlklingenden Namen Mustang-Tal.

Lubra Tal Mustang Landschaft Aussicht

Das Lubra-Tal, Ausgangspunkt unserer Tour ins ehemalige Königreich Mustang.

Nix Carbon oder Federweg. Simples, zweilagiges Toilettenpapier.

So wild der Name dieses Tals, so spartanisch alles Menschgemachte war, so herzlich erlebte ich die Gastfreundschaft der Einheimischen. Wir waren bei einer Familie in deren Haus untergebracht. Die Einfachheit oder besser, die Andersartigkeit der Lebensumstände war derart präsent, dass sie einem als Westeuropäer abenteuerlich vorkam: Klopapier wurde innerhalb der Gruppe von uns Mountainbikern zum höchsten Gut. Nix Carbon oder Federweg. Simples, zweilagiges Toilettenpapier. Ich darf rückblickend durchaus von Glück reden, dass ich von auf Reisen mitunter vorhandenen Durchfall-Bakterien verschont bliebt. Stattdessen flashten mich die Gastgeber in punkto Willkommens-Mentalität. Darüber hört man aus fernöstlichen Gebirgsregionen ja häufig Positives, aber das einmal selbst erleben zu dürfen, hinterließ bei mir nachhaltigen Eindruck. Der Apfelkuchen war ein Gedicht!

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Ein Haufen Schotter in diesem Himalaya.

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Transferetappe liest sich irgendwie immer gemütlich. Auf rund 3800 Metern heißt gemütlich aber auch mal Puls 160.

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…und vor allem ein solcher Trail zu Füßen motivieren auch den schlappsten Köter.

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Hotte und die Höhenkrankheit: Ehrlich gesagt, ich litt unter der Kombination von Belastung und dünner Luft anfangs wie ein Hund.

Um als Himalaya-Hotte aber auf dem Boden der Tatsachen zu bleiben, bekam ich schon bald die Auswirkungen der Höhe erneut zu spüren: Wir bewegten uns mit dem Bike zwischenzeitlich im Bereich von 4200 Meter über dem Meer. Bergauf sehr langsam: drei Schritte, Pause, Schnaufen, wieder drei Schritte, Pause, Schnaufen… „Gentle Climb“ nannte unser Guide das auf seiner dreistufigen Skala, mit der Einordung leicht untertreibend – was ich im Verlauf der Reise noch zu spüren bekommen sollte.
Bergab bewegte ich mich dafür mit jedem Meter mit zu- statt abnehmenden Kräften. Verkehrte Welt irgendwie. Dennoch zeigte mein Körper am Abend Anzeichen einer Erkältung, und die Nacht wurde ungemütlich: Einzige Heizquelle in unserer Unterkunft war ein Eimer voll glühender Kohle aus der Feuerstelle. Licht gab es keines. Der Strom war ausgefallen.

Himalaya Gebirge Gentle Climb Anstieg Bike Hike Bergsteigen

„Gentle Climb“ nannte der Guide einen solchen Anstieg in gut 4000 Meter Höhe. Die anderen Kategorien seiner Skala waren mit der Bezeichnung „Baby Climb“ und „Nepali Flat“ in punkto Anspruch weniger fordernd. Vermeintlich.

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Das Beste an Trails in dieser Höhenlage: Man fühlt sich mit jedem bergab gefahrenen Meter fitter. Der Nachteil: Noch ein Grund mehr vom nie endenden Trail zu träumen…

Himalaya Gebirge Gebetsfahne bunt Aussicht

Talsohle auf über 3000 Meter Meereshöhe. Von hier aus führte die Tour entlang der Hänge auf Trails immer flussabwärts.

An den folgenden Tagen überließ ich den Schnupfen meinem neuen Kumpel Ibuprofen und widmete mich den Trail-Aufgaben, die vor meinem Vorderrad warteten: Durchs einstige Königreich Mustang mäandernd konnten wir die eindrückliche Bergwelt des Himalaya genießen und streiften die Ausläufer alpiner Winzlinge wie Nilgiri (7061 Meter) und Dhaulagiri (8167 Meter). Vielfach bewegten sich unsere Routen in der Talsohle als Trail oder Jeep-Track entlang des Flusses. Einfach zu steil ragten links und rechts die Bergflanken auf. Dass man angesichts der umgebenden Bergriesen oberhalb von 3500 Meter überhaupt fahrbare Trails in Angriff nehmen konnte, war dem Guide zu verdanken. Er erkundete über die letzten zehn Jahre zahllose Wege und baute sie zu einer Hochgebirgs-Trail-Tour zusammen.

Eine Ahnung davon, wie unerbittlich die Natur generell menschlichen Vorhaben in dieser Gegend gegenüberstand, bekam ich beim Durchfahren weitgehend zerstörter Dörfer: Sie waren Flutwellen in Folge des Monsuns zum Opfer gefallen. Wo einmal Gassen verliefen, bahnten wir uns stetig bergab rollend einen Weg in ein Gebiet, dessen Charakter unser Guide augenzwinkernd als „Nepali Flat“ bezeichnete… Da war sie also wieder, die dreistufige Skala der Anforderungen – Untertreibung inklusive: Flach für Nepalesen ist halt doch ein anderes flach, als für uns  echte Flachländer. Aber: Eben alles eine Frage der Perspektive!

Himalaya Biken Trail steinig

Die niedrigere Höhe machte sich nicht nur im Sauerstoffgehalt bemerkbar, sondern auch durch die Veränderung des Landschaftsbildes.

Himalaya Gebirge Schlucht Trail Hängebrücke biken

Immer wieder kreuzte der Trail tief eingeschnittene Seitenarme des Flusslaufs.

Himalaya Gebirge Biken Flusslauf Flow Biken

Wir folgten stetig dem Weg des Wassers und rollten mal flowig, mal ruppiger durch das Auf und Ab der Nepali Flats. Ganz nebenbei vernichteten wir so 2000 Tiefenmeter.

Wie der Teufel es will, legte ich mich am letzten Tag auf dem Bike in genau dieser Gegend das erste Mal auf dem gesamten Trip ab. Vermutlich waren mir die 2000 Tiefenmeter mit steil-steinig-stufigem Charakter plus Ausgesetztheit der Nepali Flats dann schlicht zu einfach. Oder anders gesagt: Ich konnte einfach nicht zulassen, dass ich mir beim ersten Trip auf das Dach der Welt selbst ein Denkmal vom nie stürzenden Himalaya-Hotte errichtete. Hochmut kommt bekanntlich vor dem Fall!

Die Tour in Zahlen

Reisetag  Ausgangsort gefahrene Distanz durchschnittl. Herzfrequenz max. Herzfrequenz max Geschwindigkeit Ausgangshöhe Höhenmeter Tiefenmeter
3 Lalitpur 30,18 144 198 44,8 1800 m ü. NN 776 734
4 Manakamana 7,65 112 138 41,8 1800 m ü. NN 20 972
5 Pokhara 24,92 127 178 45,9 1800 m ü. NN 711 690
6 Jomsom 10,46 119 166 35,2 2900 m ü. NN 280 131
7 Kagbeni 30,9 133 172 43,8 4000 ü. NN 1337 1282
8 Kagbeni 19,94 127 174 45,2 3700 ü. NN 1001 960
9 Jomsom 21,82 120 172 33,4 4200 ü. NN 1205 1179
10 Jomsom 18,6 129 165 33,6 3800 ü. NN 1039 953
11 Jomsom 29,62 112 159 42 3800 ü. NN 752 1037
12 Lete 24,66 114 173 42,3 2500 ü. NN 753 721
13 Lete 49 114 162 45,6 2500 ü. NN 379 1965

Internationale Direktflüge nach Kathmandu sind von Deutschland aus selten. Ein Zwischenstopp ist eher die Regel als die Ausnahme. Flugpreis (hin & zurück) inkl. Bike-Bag ab ca. 1200 Euro.

Vorbereitung

Lange Zeit kannte ich das Programm unserer Reise nur über die Website von TrailXperience, mir fehlten die detaillierten Infos und Tipps zur Planung. Also bestand meine Vorbereitung erstmal nur aus einem Besuch beim Arzt zur Reiseberatung und natürlich: Biken. Biken. Und nochmal Biken. Schließlich wollte ich es ja auskosten können, sollte ich doch zwei finden, die mich bergauf… 
Weder Kosten noch Mühen wurden daher gescheut: Im September bewegte ich mich zwei Wochen lang in den Alpen zwischen Nauders und Davos. Tiefenmeter sammeln. Über 35.000 waren es auf einer Distanz von über 500 km. Natürlich mit Liftunterstützung. Um konditionell noch eins oben drauf zu setzen, bestieg ich auf der Heimreise noch schnell die Zugspitze. Und natürlich wollte ich für eine mögliche Begegnung mit dem Yeti irgendetwas, aus seiner Sicht, wenigstens halbwegs Sinnvolles geleistet haben.

Mein Santa Cruz Hightower CC

Wäre der Himalaya auch was für Dich? Ich freue mich auf Deine Fragen und Kommentare!

Thorsten

Thorsten

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  • Michael B. am 10. Februar 2019

    Klasse Geschichte/Tour....bin gespannt was mich erwarten wird, da ich die Tour im Herbst 2019 machen werde. Irgendwelche Tips von Deiner Seite bzgl. Vorbereitung?

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    • Robin am 11. Februar 2019

      Hi Michael, der beste Tipp ist es wohl, die Unterlagen vom Reiseveranstalter sehr gut zu lesen und die Hinweise zu beachten. Ich bin da von TrailXperience hervorragend vorbereitet worden und kann es uneingeschränkt empfehlen! :)

      Besonders erwähnenswert ist noch, ausreichend Riegel und Elektrolyte von zuhaus mitzubringen. Da ist die Auswahl vor Ort eher gering. Außerdem sollte man den Hinweis zu einem dickeren Schlafsack sehr ernst nehmen, denn es wird wirklich kalt! Insgesamt sind gute Klamotten und Mützen wichtig, tagsüber Winddicht, Abends/ Nachts wärmend! Mit dem Tragen seines Bikes sollte man vertraut sein, weil es wirklich lange Tragepassagen gibt. Ansonsten ist mein Tipp, freu Dich auf die Reise - es wird großartig! :) LG Thorsten

  • Moritz B. am 7. Februar 2019

    Sehr coole Geschichte. Nur ein Foto vom Yeti wäre noch stark gewesen. Oder Reinhold Messner. Sollen sich ja ähnlich sehen...

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