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How to: Fahrradbekleidung – Regen- und Windschutz

Moritz & Andi 23. September 2019

Schmuddelwetter – und trotzdem raus aufs Bike. Aber worauf muss ich bei wasser- und winddichter Fahrradbekleidung eigentlich achten?

Semipermeabel. Dieser Fachwort-Zungenbrecher ist der Grund, warum moderne Wetterschutzjacken – im Jargon auch „Hardshells“ genannt – den Tragekomfort in völlig andere Sphären verschoben haben. Es beschreibt eine Materialeigenschaft, die eigentlich irrsinnig klingt: Von der einen Seite kommt kein Wasser durch, von der anderen schon. Die Magie liegt in der Chemie bzw. auf Molekül-Ebene. Eine Membran – eine hauchdünne, folienartige Schicht – hat eine Art Türsteherfunktion: Die großen Jungs müssen draußen bleiben, die kleinen dürfen aber von innen nach außen. In der Praxis: Während Regen und Spritzwasser in Tropfenform auf eine Regenjacke treffen und abgeblockt werden, kann Schweiß als Wasserdampf von innen nach außen entweichen. Letztere Eigenschaft wird allgemein hin als „Atmungsaktivität“ eines Textils bezeichnet, korrekter wäre von Wasserdampfdurchlass zu sprechen, denn ein Kleidungsstück kann ja (noch) nicht selbst aktiv atmen. Im Durchmesser ist ein Wasserdampfmolekül 3-5 Å (Ångström) groß, ein Wassertropfen zwischen 10.000 und 2 Mio. Å. Zum Vergleich: 1 cm entspricht ca. 100 Mio. Å. Selektivität einfach anhand unterschiedlicher Größenverhältnisse – durch eine Katzenklappe passt schließlich auch kein Elefant. 

Ohne die semipermeablen Stoffeigenschaften würden wir in kürzester Zeit in unserem eigenen Saft schmoren. Bei steigender körperlicher Aktivität gibt unser Körper Wärme ab – und reagiert gleichzeitig mit Schweißbildung, um die Temperatur wieder nach unten zu regulieren. Doch auch bereits im Ruhezustand transpirieren wir. Wer schon einmal seine Hand ein paar Minuten in eine verschlossene Plastiktüte gesteckt hat, spürt, wie schnell es unangenehm feucht darin wird. Zu viel Wärme und Luftfeuchtigkeit schränken unsere körperliche Leistungsfähigkeit ein – Kälte und Nässe allerdings auch.

La Palma Rennrad Passtrasse Nebel Sommer

Die Varianz der äußeren Bedingungen: Warm, feucht und viel Fahrtwind.

Wald Winter Frost Herbst MTB

Wechselnde Bewegungsintensität bei Frost und Trockenheit.

Rennrad Herbst Winter Frost Anstieg welliges Terrain

Kalte Temperaturen, trockene Straßen, variierende Geschwindigkeit.

Gravel-Bike Winter Schnee

Niedrige Temperatur, schneebedeckte Wege, ebenfalls variierende Geschwindigkeit und Intensität.

Matsch MTB Trails Feuchtigkeit

Matsch und Nässe.

Rennrad Nasskalt Herbst Winter

Nässe und Kälte.

Dicht und durchlässig

1969 gelingt dem US-Amerikaner Bob Gore erstmals die Entwicklung einer semipermeablen Membran. Gore… Klingelt’s? Gore-Tex wird heute von vielen Menschen als Synonym für wasserdichte Textilien benutzt. Auch wenn die mit „GTX“ abgekürzten Jacken & Co. eine enorme Bekanntheit haben, gibt es mittlerweile eine riesige Bandbreite an Membranen verschiedenster Hersteller. 

Die Wasserdichtigkeit wird mit der Wassersäule angegeben. Ihr Wert sagt aus, wie hoch – in mm – der Wasserdruck in Form einer Säule auf einen Quadratmeter Stoff sein muss, bis dieser Feuchtigkeit durchlässt. Die meisten Highend-Hardshells liegen bei Werten von 20.000 mm und darüber, allerdings sind für den Normalbereich bereits 10.000 mm ausreichend. Die große Herausforderung besteht allerdings darin, trotz Wasserdichtigkeit einen sehr guten Wasserdampfdurchlass aka Atmungsaktivität zu erreichen. Zwei grundsätzliche Wirkweisen bestimmen den Markt: mikroporöse Membranen aus Polytetrafluorethylen (PTFE) und porenlose Membranen aus Polyurethan (PU) oder Polyester. Bei Gore-Tex, deren Herzstück eine PTFE-Membran ist, wandern die Wasserdampfmoleküle – also Schweiß – durch über 1,4 Milliarden/cm2 mikroskopisch kleine Poren. Diese kleinen Kanäle können allerdings durch körpereigene Fette und Salze oder auch Schmutz verstopfen. Deshalb ist es – entgegen des sich immer noch hartnäckig haltenden Mythos – zwingend nötig, seine Gore-Tex-Jacke bei Bedarf zu waschen.

Porenlose Membranen aus PU oder Polyester basieren auf einem chemisch-physikalischen Molekültransport. Achtung Freak-Wissen: Dabei binden hydrophile – also wasserliebende – Bestandteile die Wassermoleküle und leiten sie durch hydrophobe – wasserabweisende – Strukturen nach außen. Dieser Prozess beschleunigt sich, je höher das Temperatur- und Feuchtigkeitsgefälle ist, sprich: innen wärmer und feuchter als draußen. Ist dies der Fall, entsteht ein sogenannter „Partialdruck“. Bei steigender körperlicher Aktivität kurbeln Biker also buchstäblich die Dunstabzugshaube an. Logischerweise funktioniert dieses System wirklich brauchbar nur bis ca. 20 °C Außentemperatur. Zum Vergleich: Wenn man an kühlen Tagen nach einer heißen Dusche das Badezimmerfenster öffnet, zieht der Wasserdampf bedeutend schneller nach draußen, als an einem heißen Sommertag. Die hauchdünnen Membranen alleine sind allerdings zu fragil, um ausschließlich daraus Bekleidung zu fertigen. Deshalb werden sie mit Trägerstoffen bei hoher Temperatur flächig verklebt und „verpackt“. Das Ergebnis sind mehrlagige Sandwich-Konstruktionen, die als „Laminate“ bezeichnet werden. Gängig sind 3-, 2,5- und 2-Lagen-Laminate. Als Grundaufbau haben sie einen möglichst robusten, abriebfesten Außenstoff aus Nylon (Polyamid) oder Polyester, darunter die Membran und auf der Innenseite entweder einen fest auflaminierten Futterstoff (3-Lagen), eine aufgebrachte Schutzbeschichtung (2,5-Lagen) oder einen lose eingehängten Stoff (2-Lagen). Als hochwertigste Lösung gelten 3-Lagen-Varianten, weil sie robuster und langlebiger sind.

Mehrlagige Jacke Endura Regenschutz Atmungsaktivität

Entscheidend für den Tragekomfort einer Jacke bei Belastung ist der Wasserdampfdurchgang. Funktioniert der Abtransport der Schwitzfeuchtigkeit nicht ausreichend, bringt auch der beste Nässeschutz nichts.

dirtlej Suit Overall Mountainbike Schlechtwetter Regen Nässeschutz

Unter Mountainbikern enorm beliebt, weil sehr sinnvoll, sind Overalls. Bevorzugt mit kurzen Beinen im Shorts-Stil. Sie halten die Elemente zuverlässig draußen, sind allerdings vorrangig für bergab-orientiertes Radfahren geeignet.

Gore-Tex Shakedry Laminat

Sonderfall Gore-Tex Shakedry: Zugunsten von Gewicht, Packmaß und Wasserdampfdurchlässigkeit kommt in der Shakedry-Technologie kein Oberstoff im Laminat zum Einsatz.

Kein Hauch von nichts

Für Biker spielt die Winddichtigkeit eine ebenso wichtige Rolle, vor allem – logisch – an der Front. Der „Windchill-Faktor“ schraubt die gefühlte Temperatur auf der Hautoberfläche massiv nach unten. Ein Beispiel: 5°C fühlen sich bei 25 km/h (Wind-)Geschwindigkeit an wie 0,5°C. Ist die Haut feucht, z.B. durch Schwitzen, verstärkt sich dieser Effekt spürbar. Eine Lungenentzündung lässt grüßen. Während jede wasserdichte Jacke ohnehin kein Lüftchen durchlässt, bieten reine „Windbreaker“ – also Textilien, die zwar komplett wind- aber nicht zu 100 Prozent wasserdicht sind – klare Vorteile in puncto Gewicht, Packmaß und Wasserdampfdurchlass. Auf Tennisballgröße reduzierbar passen sie in nahezu jede Trikot- oder Satteltasche. Hochwertige Windjacken – wie auch entsprechende Softshell-Jacken – haben ebenfalls eine Membran verbaut, die hochgradig wasserabweisend (aber nicht dicht!) und zu hundert Prozent winddicht ist, zugleich aber ein Maximum an Wasserdampfdurchlass zulässt. Der Begriff „winddicht“ bezieht sich übrigens auf einen Durchlässigkeitswert, der die Haut rein sensorisch keinen Luftzug mehr spüren lässt (< 3 Liter/m2/Sekunde).

 

DWR – Fluch und Segen zugleich

Werbebilder zeigen häufig abperlende Wassertropfen als Synonym für Wasserdichtigkeit. Dieser Effekt wird allerdings nicht durch die wasserdichte Membran, sondern durch eine wasserabweisende Imprägnierung – die sogenannte DWR (durable water repellent) – erreicht. Sie ist für die Funktionalität wichtig, denn saugt sich die oberste Stoffschicht flächig mit Wasser voll, wird der Wasserdampfdurchlass massiv eingeschränkt. So entsteht der Eindruck, die Jacke sei nicht mehr dicht – obwohl sich „nur“ vermehrt kondensierte Schwitzfeuchtigkeit auf der Innenseite ablagert. Auch Schmutz und Öle soll die DWR abhalten, um die empfindliche Membran zu schützen.

Windstopper Winddicht Jacke Windchill

Wer "nur" bei Kälte und nicht bei Niederschlag unterwegs ist, für den ist eine "nur" winddichte Jacke die bessere Wahl: Dem Windchill begegnet die winddichte Membran, Schwitzfeuchtigkeit kann besser entweichen als bei den (meisten) wasserdichten Jacken.

Abperleffekt Softshell Windjacke DWR

Die DWR-Ausrüstung sorgt für einen trockenen Oberstoff. Bei mehrlagigen, wasserdichten Jacken ist das unerlässlich. Aber auch bei vielen Softshell-Jacken (und manchen Windjacken) inzwischen Standard.

Fit kommt nicht von Fitness

Das Paradoxe in Sachen Passform von äußeren Bekleidungsschichten ist: Die meisten Biker probieren ein Hardshell- oder Windstopper-Teil gar nicht in der Position aus, für die sie es kaufen möchten. Stattdessen schlüpfen sie hinein, stellen sich aufrecht vor den Spiegel und begutachten, was sie sehen. Das schaut hoffentlich gut aus (noch besser, wenn man etwas breitbeinig steht und die Luft anhält, für den athletisch wirkenden Brustkorb), führt auf dem Bike aber oft zu der Erkenntnis „Verdammt, passt nicht so richtig!“. Experten nennen dieses Phänomen auch „Shop Fit“. 
Übertrieben dargestellt, ist es bei einer richtig gut sitzenden Bike-Jacke aber genau andersherum. Im Stehen denkt man sich: Warum zwickt es an der Schulter? Warum sind die Ärmel so lang, und warum laufe ich in der Jacke bauchfrei herum? Das ist der „Bike Fit“.

Radsportspezifische Passform Bike-Fit

Eine radsportspezifische Passform ist – nicht nur auf dem Rennrad – von entscheidender Bedeutung. Wenn die Jacke beim Aufrechtstehen perfekt zu passen scheint: Vorsicht! Viel wichtiger ist die Position auf dem Rad.

Dirtlej Suits Ganzkörperanzug Regenschutz

Bei den Dirtlej Suits, wasserdichten Ganzkörperanzügen, ist ein gravierendes Problem eliminiert: Es entsteht keine Lücke zwischen Jacke und Hose.

Aha-Effekt im Sattel

Auf dem Rad kommt der Aha-Effekt, weil die vorgebeugte Position die Lücke am Bauch schließt, der Griff Richtung Lenker die Ärmelbündchen genau zu den Handgelenken wandern lässt, die Schultern in Position kommen. Und die vorgeformten Ärmel die nötige Griffposition am Lenker mit mehr oder weniger stark ausgestellten Ellbogen gestattet. Je nach Einsatzbereich – Rennrad, MTB oder Tour – variieren diese drei Passform-Parameter ein wenig, denn natürlich fällt die Sitzposition auf dem Renner anders aus, als auf dem MTB-, Trekking-, Gravel- oder City-Rad. Dennoch sind diese vier „Kontrollpunkte“ wichtige Indikatoren für die richtige Passform einer Bike-Jacke. (Noch) Unabhängig von der Radsport-Disziplin. Darum:

Mehr Disziplin, bitte!

Taucht man tiefer ein in die „Disziplin“-Anforderungen auf dem Urban-Rad, Rennrad oder Mountainbike, dann entscheiden neben der variierenden Sitzposition auch spezifische Anforderungen wie Alltagstauglichkeit, Windschnittigkeit oder Robustheit. Denn natürlich legt ein Rennradfahrer Wert auf eine enge Passform. Der Mountainbiker möchte seine Jacke auch nach einem Sturz noch als Jacke bezeichnen. Und der Bike-Pendler fährt mit dem Rad eventuell noch zum Feierabendbier. Die entscheidendste Rolle aber spielt: Die Intensität der Belastung auf dem Rad. Diese ist, genau wie das persönliche Temperaturempfinden und die Schweißproduktion, hochgradig individuell, eine pauschale Empfehlung zu dieser oder jener Jacke daher kaum möglich. Als Faustregel:

  1. Nässe- und Windschutz haben oberste Priorität, um im Fahrtwind nicht auszukühlen. Je unwirtlicher die Bedingungen, umso besser muss insbesondere der Nässeschutz ausfallen.
  2. Je länger man bei Schlechtwetter im Sattel sitzt, desto besser müssen Wasserdampfdurchlass und Ventilation (etwa durch „Vent Zips“, Belüftungslöcher oder Mesh-Einsätze) ausfallen. Sonst droht Durchnässung durch den eigenen Schweiß.
  3. Je höher das Durchschnittstempo auf dem Rad, desto wichtiger ist eine funktionierende Ventilation (durch die Membran hindurch oder über Belüftungsöffnungen) bei geschlossener Jacke. Bergauf auf dem Mountainbike kann man das Jackenklima über den Front-Reißverschluss relativ gut mitregulieren. Auf dem Rennrad funktioniert das nur schlecht. Der unweigerlich im Wind schlagende Kragen bremst und nervt. Vor allem aber erhöht es die Gefahr der Auskühlung im Bereich des Brustkorbs.
Wasserdichte Socken Schlammpackung

Und noch ein Tipp: wasserdichte Socken. Halten die Füße warm und trocken. Zu jeder Jahreszeit.

Schichtarbeit

Im Zusammenhang mit Funktionsbekleidung wird sehr häufig vom Zwiebel- oder Schichtprinzip gesprochen. Diesem Begriff wollen wir uns ebenfalls widmen – in mehreren Blog-Artikeln, die neben der äußeren Lage in diesem Text auch noch die Thematik Mid Layer und Base Layer behandeln.

Welche Erfahrungen hast Du bei Schietwetter gemacht? Welche Art von Jacke funktioniert für Dich am besten? Gib uns Dein Feedback!"

Moritz

Moritz

Blogkommentare werden mit Vornamen und erstem Buchstaben des Nachnamens veröffentlicht.
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