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Besser eingebremst als ausgebremst

Sebastian 15. April 2015

Verschleißteil Bremsbelag. Spätestens wenn der erste Satz verschlissen ist, sollte man sich mal mit dem Thema Bremsbeläge beschäftigen.

Verschleißteil Bremsbelag. Spätestens wenn der erste Satz verschlissen ist, sollte man sich mal mit dem Thema Bremsbeläge beschäftigen. Damit ihr abgefahrene Bremsbeläge rechtzeitig erkennt, guckt ihr euch eure Beläge, am besten vor jeder Ausfahrt, kurz an. Sind die Beläge bis auf die Feder runtergeschliffen, wird es höchste Zeit, neue zu besorgen.

Alle hier angegebenen Daten sind theoretischer Natur. Welcher Belag am besten zu eurer Bremse und Fahrweise passt, müsst ihr selber herausfinden. Außerdem sollte ich euch noch darauf hinweisen, dass ihr in der Regel, wenn ihr Beläge von Fremdherstellern nutzt, jeglichen Garantieanspruch verliert. Wir empfehlen euch einen Blick in die Bedienungsanleitung.

Niegelnagelneue Bremsbeläge von unterschiedlichen Herstellern

Neue, unterschiedliche Bremsbeläge von unterschiedlichen Herstellern

Aufbau eines Bremsbelags

So ein Bremsbelag besteht aus 2 Bauteilen: der Trägerplätte und dem eigentlichen Belag. Im Groben gibt es 3 verschiedene Belagmischungen: organisch, Sintermetall und Semi-Metall. Diese Mischungen können sich natürlich in ihrer Zusammensetzung unterscheiden. Aber auch die Trägerplatten werden aus 3 unterschiedlichen Materialien bzw. in 2 verschiedenen Bauformen hergestellt. Es gibt Trägerplatten aus Alu, Stahl, Titan, mit Kühlrippen und ohne Kühlrippen. Welche Vor- und Nachteile die einzelnen Materialien bzw. Bauformen haben, werden wir später noch klären.

Es gibt also sehr viele verschiedene Kombinationsmöglichkeiten. Wir können natürlich nicht auf alle Kombinationen eingehen, aber wir können euch die Eigenschaften der verschiedenen Materialien näherbringen.

Belagmaterialien

Organisch

Organische Beläge bestehen meistens aus Fasern organischer Stoffe, die aus Glas, Gummi, Carbon bzw. Kevlar® und Twaron® gewonnen werden, und Füllstoffen sowie temperaturbeständigen Kunstharzen.

Ein organischer Bremsbelag besteht meistens aus Fasern organischer Stoffe, die aus Gummi, Carbon, etc gewonnen werden und Füllstoffen.

Ein organischer Bremsbelag

In der Regel haben organische Bremsbeläge folgende Vor-und Nachteile:

Vorteile: quietschen weniger, besser dosierbar als Sinterbeläge, isolieren besser gegen Hitze als Sinterbeläge und geben somit weniger Wärme an die Bremskolben ab

Nachteile: verschleißen schneller als Sinterbeläge, schnellerer Verschleiß gegenüber Sinterbelägen bei hoher Bertriebstemperatur

Sintermetall (Metall oder gesintert)

Sinterbeläge bestehen, wie der Name schon sagt, aus gesinterten Metallen. Das heißt, sie werden aus einem Granulat gepresst. Die Zusammensetzung dieses Granulats variiert von Hersteller zu Hersteller.

Ein Sinterbelag besteht aus gesinterten Metallen, die aus einem Granulat gepresst werden.

Ein gesinterter Bremsbelag

In der Regel haben Sintermetallbeläge folgende Vor-und Nachteile:

Vorteile: verschleißärmer als organische Beläge, hitzebeständiger als organische Beläge

Nachteile: neigen zum Quietschen, höhere Hitzeentwicklung beim Bremsen

Semimetall

Semimetall-Beläge bestehen zum größten Teil aus Metall gemischt mit Anteilen von Graphit, Füllstoffen und Bindemitteln. Mit den Semimetall-Belägen probieren die Hersteller, die positiven Eigenschaften von organischen und Sinterbelägen zu vereinen.

Bremsbeläge aus Semimetall bestehen zum größten Teil aus Metall, gemischt mit Ateilen von Graphit, Füllstoffen und Bindemitteln. Die Hersteller versuchen damit die positiven Eigenschaften von organischen Belägen und Sinterbelägen zu vereinen.

Ein Semimetall Bremsbelag

In der Regel haben Semimetall-Beläge folgende Vor-und Nachteile:

Vorteile: geringerer Verschleiß als organische und metallische Beläge, hohe Hitzebeständigkeit

Nachteil: neigen zum Quietschen

Markenspezifische Bezeichnungen

Shimano

  • Resin = Organisch
  • Metal = Sinter

Magura

  • Endurance = Organisch
  • Performance = Organische Beläge

Swiss Stop

  • Organic compound = organische Belagsmischung mit Kevlar-, Messing- und Keramikanteilen

Formula

  • Organic ergal =Ergal bezeichnet nur, dass die Trägerplatte aus Aluminium besteht.

Trickstuff

  • grunsätzlich organisch
  • NG (Abk. New Generation)
  • Inox = Edelstahl-Trägerplatte

Trägerplattenmaterialien

Unterschiedliche Materialien der Trägerplatten eines Bremsbelags: Stahl, Alu und Titan

Die Trägerplatten eines Bremsbelags können aus unterschiedlichen Materialien bestehen: Stahl, Alu und Titan

Die Trägerplatte befindet sich zwischen dem Bremskolben und dem Bremsbelag. Dies ist die kleine Platte, auf die der Bremsbelag geklebt wird. Wie auch bei den Belägen werden Trägerplatten aus verschiedenen Werkstoffen hergestellt. Sie geben die beim Bremsen entstehende Hitze an das Bremssystem weiter. Je schneller die Trägerplatte die Wärme also an die Umgebungsluft abgibt, desto weniger Wärme wird an das Bremssystem weitergegeben.

Je nach Preisklasse werden bei den Trägerplatten unterschiedliche Materialien verbaut, es wird zwischen Stahl, Alu und Titan variiert. Bei der Wahl der Materialien spielt nicht nur das Gewicht eine Rolle, sondern auch die Wärmeleitfähigkeit. Es sollte so wenig Hitze wie möglich an das Bremssystem weitergegeben werden.

Shimano und Kool Stop bieten auch Trägerplatten aus Aluminium mit Kühlrippen an. Die Kühlroppen sollen die Trägerplatte schneller runterkühlen, und so die entstehende Hitze im Bremssystem reduzieren.

Shimano und Kool Stop: Trägerplatten mit Kühlrippen aus Aluminium

Shimano und Kool Stop bieten auch Trägerplatten aus Aluminium mit Kühlrippen an. Die Kühlrippen sollen die Trägerplatte schneller runterkühlen und so die entstehende Hitze im Bremssystem reduzieren.

Wie erkenne ich den Unterschied zwischen organischen und Sintermetall-Belägen?

Bei organischen Belägen drückt sich die Masse, aus der der Belag besteht, durch die Löcher in der Trägerplatte. Die Platte schließt auf der Rückseite des Belags also bündig ab. Die (Roh-)Masse der Sintermetallbeläge ist zäher und drückt sich somit kaum durch die Löcher.

Warum einbremsen?

Die Oberflächen von Bremsbelägen und –scheiben sind nach der Fertigung nie 100%ig plan, es gibt immer mikroskopisch kleine Unebenheiten. Würde man die Bremse in diesem Zustand benutzen, könnte es passieren, dass sich beim Bremsvorgang nur die Spitzen der Unebenheiten berühren. Somit würde die Reibung und Hitze in diesen Punkten sehr stark ansteigen. Die eigentliche Bremskraft wäre aber wegen der kleinen Kontaktfläche sehr gering. Beim Einbremsen werden diese Unebenheiten wegeschliffen, sodass der komplette Belag auf der Scheibe aufliegt und die maximale Bremspower erreicht werden kann.

Vorbehandlung des Herstellers

Das Ausgasen organischer Beläge wird auch „Scorchen“ genannt und wird von manchen Herstellern selber gemacht. Dabei werden die Bremsbeläge auf ca. 200°C erhitzt, um so das Ausgasen zu provozieren. Durch die Hitze härten die Bindemittel in den Belägen aus. Folge: bessere Bremskraft.

Planschleifen

Nun könnt ihr mit dem Einbremsen beginnen. Dazu sucht ihr euch am besten einen längeren asphaltierten Hang, den ihr runterrollen könnt. Aufsitzen und auf ca. 30 km/h beschleunigen, jetzt bremst ihr mit der Vorder- oder Hinterradbremse mit ordentlichem Bremsdruck bis zum Stillstand runter.  Das solltet ihr für beide Bremsen öfter wiederholen. Ihr werdet einen deutlichen Zuwachs der Bremskraft bemerken. Wenn sich die Bremskraft nicht mehr verbessert, sind die Bremsen eingebremst.

Achtung: Die Beläge sollen zwar heiß werden, um auszugasen, trotzdem sind lange Schleifbremsungen zum Einbremsen nicht zu empfehlen, da die Bremsbeläge schnell überhitzen und somit verglasen können.

Ausgasen organischer Beläge

Nach dem Planschleifen könnt ihr mit dem eigentlichen Ausgasen beginnen. Hierzu fahrt ihr einfach einen steileren Berg mit schleifender Bremse (immer einzeln schleifen lassen) herunter. Lässt die Bremswirkung deutlich nach, könnt ihr die Bremse wieder öffenen. Erst jetzt hat der Belag seine endgültige Bremsperformance und Standfestigkeit erreicht.

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  • Claudia K. am 29. August 2019

    Mich würde interessieren, wie sich Stahl- und Aluträgerplatten (ohne Kühlrippen) auf die Bremseigenschaften auswirken.

    Da Stahl der schlechtere Wärmeleiter ist, sollte man ja eigentlich Beläge mit Stahlträger gegenüber den (oft teureren) mit Aluträgern vorziehen, um möglichst wenig Wärme auf den Bremskolben zu übertragen?

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    • Marco D. am 5. September 2019

      Nach hinreichend langer Fahrt und entsprechend notwendiger Bremsungen ist die Temperatur bei Stahl und Alu sagen wir mal identisch.

      Da kommt es viel mehr auf das schnelle Abkühlen an als auf das langsame Aufwärmen.

      Wenn das langsamere Aufwärmen von Stahl den einen Vorteil gegenüber Alu bringen soll, muss das Fahrprofil dafür sehr angepasst sein. Ich denke da grob ans Flachland wo man nur wenig bremsen muss.

    • bike-components am 6. September 2019

      Hallo Claudia,

      das muss man differenzierter betrachten. Die Hersteller haben unterschiedliche Konzepte, ihre Bremsen zu kühlen.
      Natürlich hast du Recht, dass Stahl ein schlechterer Wärmeleiter ist. Aber sind die Bremsbeläge mit Stahlträgerplatte einmal aufgeheizt, kühlen sie auch langsamer ab und speichern die Wärme länger.
      Der Gewichtsunterschied ist vernachlässigbar klein, was man schon mal hin und wieder als Argument hört. Beispielsweise bei einer Shimano XTR Bremse sind Ceramic-Kolben verbaut, die davor schützen sollen, dass nicht zu viel Wärme ins Bremssystem gelangt. Entsprechende Bremsbeläge oder Bremsscheiben mit Kühlrippen können ebenfalls helfen, das Bremssystem herunterzukühlen.

      Grüße, Christopher

  • Matthias B. am 14. April 2019

    Ja, schön verständlich! Daumen hoch!

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  • Wolfram R. am 30. August 2018

    Tolle Erläuterung! > 5 Sterne

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